Musik – Heilmittel

für Körper und Seele

von Beate Ling

Musik hilft uns, unseren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, und hat sogar eine heilende Wirkung. Beate Ling erklärt, wie wir diese einsetzen können – und ob sie nur besonders musikalischen Menschen zur Verfügung steht.

Musik begegnet uns täglich. Wir hören sie nebenbei im Radio, beim Einkaufen oder aus den viel zu laut eingestellten Kopfhörern eines anderen Fahrgastes in der Straßenbahn. Wir genießen unsere persönlichen Lieblingslieder mal entspannt zuhörend, mal gut gelaunt mitsingend. Musik polarisiert, lässt Herzen höher schlagen und ruft die unterschiedlichsten Gefühle hervor. Aber ist Musik nur etwas für besonders feinfühlige oder musikalische Menschen? Ist sie nur eine emotionale Begleiterscheinung unserer Kultur, oder steckt mehr dahinter? Ich bin überzeugt: Wenn Gott die wohl wichtigste Botschaft für uns Menschen – die Geburt Jesu – von einem singenden Engelschor überbringen ließ, dann hatte das einen tieferen Sinn als nur eine nette musikalische Untermalung eines wichtigen Ereignisses. Gott misst der Musik anscheinend eine große Bedeutung bei. In der Bibel werden wir immer wieder aufgefordert, ihn zu loben – sowohl mit Instrumenten als auch in Form von gesungenen Liedern. Warum ist Musik so wichtig für uns Menschen?

Musik und Mensch – eine untrennbare Verbindung

Neben der gesprochenen Sprache und der indirekten Kommunikation ist die Musik ein weiteres, sehr tiefgehendes Ausdrucksmittel. Gefühle, Botschaften und persönliches Erleben können in einer vielschichtigen Art und Weise und doch direkter mitgeteilt werden, als dies nur mit Worten möglich wäre. Wer singt oder musiziert, gibt immer etwas von sich preis. Musik ist jedoch nicht nur ein Ausdrucksmittel, sondern auch ein unmittelbarer Zugang zu unseren Gefühlen. Das in der Musik ausgedrückte Gefühl überträgt sich auf die Gefühle der Zuhörer. Andersherum spiegelt die bevorzugte Musik auch die momentane Befindlichkeit des Hörers wider. Vielleicht haben Sie selbst schon einmal an sich beobachtet, dass Sie eine CD mit lebhafter, fröhlicher Musik einlegen, wenn es Ihnen gut geht, und eine andere, wenn das Leben gerade nicht so leichtfällt.

Musik verändert und macht glücklich

Musik beeinflusst unsere Gefühlswelt. Sie löst Emotionen aus, kann „Balsam für die Seele“ sein, für ein „Gänsehaut“-Feeling sorgen und Erinnerungen wecken. Filmkomponisten machen sich die manipulative Seite der Musik zunutze, indem sie mithilfe der klanglichen Untermalung einer Filmszene beim Zuschauer ein bestimmtes Gefühl wecken oder verstärken. Was wir unterbewusst wahrnehmen, ist wissenschaftlich bewiesen: Musik verändert uns und hat Auswirkungen auf unseren gesamten Organismus. Am stärksten ist dieser Effekt beim Singen. Blutuntersuchungen von Chorsängern vor und nach der Probe haben gezeigt, dass während des Singens verschiedene Hormone ausgeschüttet werden, die die Aggressivität und Stressanfälligkeit senken und für ein geringeres Schmerzempfinden sorgen. Die erhöhte CO2-Konzentration durch das tiefere Einatmen und ein erhöhter Serotoninspiegel machen das Singen zu einem Glückserlebnis. Wer regelmäßig länger singt, stärkt zudem sein Immunsystem durch die Ausschüttung des Immunglobulins A. Singen hat noch weitere positive Auswirkungen auf unser Gehirn: Es macht uns klüger. Beim Singen müssen wir eine Fülle an Informationen bewältigen, wodurch eine starke Vernetzung beider Gehirnhälften stattfindet. Kinder, die im Kindergarten und in der Schule viel singen, haben im Vergleich mit Kindern ohne Musikerziehung einen höheren IQ. Könnten Sie heute noch ein Lied aus Ihrer Schulzeit zum Besten geben? Falls Ihre Antwort ein beherztes Ja ist, lässt sich das darauf zurückführen, dass sich ein gesungener Text sehr gut einprägt und nach langer Zeit noch abrufbar ist. Gemeinsames Singen und Musizieren verändert auch das soziale Miteinander. Durch gegenseitiges Hören aufeinander wird die sensible Wahrnehmung für den anderen geschärft. Stimmungslage und Gemütszustand des Mitsängers oder Bandkollegen können besser und feinfühliger eingeschätzt werden.

Die heilende Wirkung von Musik

Schon in der Bibel wird die heilende Wirkung von Musik beschrieben. Der junge David wurde immer wieder zu König Saul gerufen, um für ihn auf seiner Harfe zu spielen. Durch die sanften Klänge konnte sich der König meist wieder beruhigen, wenn es ihm nicht gut ging (1. Samuel 16,23). Auch in der heutigen Zeit wird Musik therapeutisch eingesetzt. In der Musiktherapie kann sie Menschen mit körperlichen oder psychischen Krankheiten ins Leben zurückhelfen. Die Therapie ist dabei unabhängig von der Musikalität des Patienten. Allein die Wirkung des Klangs reicht aus, um Gefühle und Reaktionen auszulösen, egal, ob der Patient ein Musikstück anhört oder selbst improvisiert. Die verbesserte Selbstwahrnehmung hilft ihm, Ursachen und Hintergründe seiner Probleme ausfindig zu machen und mit Hilfe des Therapeuten aufzuarbeiten. In meiner Arbeit als Gesangscoach spielt der therapeutische Ansatz ebenfalls eine wichtige Rolle. Im Hebräischen wird für „Seele“ und „Kehle“ dasselbe Wort verwendet. Das weist auf die Wechselwirkung der beiden Bereiche aufeinander hin. In vielen Redewendungen, beispielsweise „Angst, die die Kehle zuschnürt“ oder „einen Kloß im Hals haben“, wird dieser Zusammenhang deutlich. Die eigene Persönlichkeit und die psychische Befindlichkeit haben hörbare Auswirkungen auf die Stimme und deren Entfaltungsmöglichkeiten. Arbeit an der Stimme bedeutet somit gleichzeitig Arbeit an der Persönlichkeit.

Erfüllung im Leben und im Sterben

Immer wieder darf ich Menschen beim Singen in die Seele schauen, um anschließend die Kehle zum Klingen zu bringen. Dabei erlebe ich oft, wie sich die Stimme frei entfalten kann, wenn Schweres von der Seele abfällt. Gleichzeitig hilft das Ausdrücken von Gefühlen beim Singen auch bei der Verarbeitung persönlicher Erlebnisse. Für mich ist es Berufung und Erfüllung zugleich, Menschen auf diese Weise zu einem neuen, befreiten Lebensgefühl zu verhelfen. Einige wertvolle Erfahrungen mit der Musik habe ich auch in der Sterbebegleitung gemacht. Bekannte Melodien und Lieder vermitteln Geborgenheit und lassen Momente des Glücks zurückkehren. Häufig sind es alte Choräle, die mit ihren wohlbekannten Melodien und tiefgehenden Texten in der letzten Phase des Lebens Halt geben und Trost spenden.

Gibt es unmusikalische Menschen?

Aus meiner Erfahrung als Gesangslehrerin muss ich sagen: „Ja, es gibt sie, die Brummer!“ Aber selbst wenn jemand nicht gut singen kann, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass er völlig unmusikalisch ist. Es gibt keinen Menschen, der überhaupt nicht auf Musik anspricht. Musik ist stark mit unserer individuellen Entwicklungsgeschichte verbunden. Neugeborene sind in der Lage, Musikstücke wiederzuerkennen, die die Mutter während der Schwangerschaft gehört oder gesungen hat. Kinder im Vorschulalter sind meistens sehr interessiert an musikalischen Impulsen, ähnlich wie beim Erlernen der Muttersprache. Zwischen sechs und zehn Jahren machen sie oft erste eigene Musikerfahrungen, indem sie ein Instrument lernen oder im Kinderchor singen. Die in dieser Phase gemachten Erfahrungen tragen viel zu unserer späteren Selbsteinschätzung bei, ob wir uns für musikalisch halten oder nicht. Menschen, die sich als unmusikalisch bezeichnen, verbinden meist weniger schöne Erlebnisse mit Musik: Sie wurden von den Klassenkameraden ausgelacht oder hatten selten Erfolgserlebnisse beim Musizieren. Musikalische Menschen dagegen erinnern sich meistens an positive Kindheitserlebnisse in Verbindung mit Musik. Genetische Faktoren begünstigen zwar eine angeborene Fähigkeit, gut musizieren zu können, sind aber nicht die Grundlage für Musikalität. Die Fähigkeit, gut zu singen oder ein Instrument zu beherrschen, ist zum großen Teil erlernbar und hängt von psychologischen Aspekten, Motivation und Übungseinsatz ab.

Probieren Sie es aus!

Singen macht glücklich – das hat die Wissenschaft bewiesen. Wie sieht es mit einem Selbstversuch aus? Es kommt nicht darauf an, mit den besten Sängern mithalten zu können. Lassen Sie sich inspirieren und erleben Sie, dass das Singen zu einer besonderen Kraftquelle werden kann. Stimmen Sie einfach spontan ein Lied an – was Ihnen gerade in den Sinn kommt. Oder singen Sie beim Hören Ihrer Lieblings-CD mit. Sie werden spüren, wie die Musik Sie innerlich verändert und belebt.

Beate Ling ist Sängerin, Gesangscoach und Referentin.
Dieser Artikel erschien in der Zeitschrift LYDIA, Ausgabe 4/2015.
www.lydia.net