Beate Ling

im Interview

Seit vielen Jahren prägt Beate Ling mit ihren Liedern die christliche Musiklandschaft. Ihr neues Album „Leben atmen“ gibt persönliche Einblicke in ihren Glauben, aber auch Ängste und die eigene Vergangenheit werden mutig angesprochen.

Du bist Sängerin, Gesangscoach und Referentin. Was haben diese Tätigkeiten gemeinsam?

Alle drei Bereiche sind meine Leidenschaft. Das Gesangscoaching ist dem geschuldet, dass Lehrerin mein Traumberuf war. Ich habe mein Examen in Musik und Deutsch gemacht und bin dann doch nie Lehrerin geworden. Trotzdem unterrichte ich heute, aber ausschließlich mein Lieblingsfach und ich habe auch ausschließlich mit hoch motivierten Menschen zu tun. 

Was hat für dich den Anstoß gegeben, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen?

Nach meinem zweiten Staatsexamen stand ich auf der Warteliste fürs Lehramt. In dieser Zeit hat es sich ergeben, dass ich die Musik zum Beruf machen konnte. Ich habe zuerst für unterschiedliche Künstler gesungen. Irgendwann habe ich diese Berufung einfach gefühlt. Dann wuchs alles sehr organisch. 

Du hast eine Gesangsausbildung in Los Angeles in den USA gemacht. Wie kam es dazu?

Seit ich 17 Jahre alt war, hatte ich Gesangsunterricht. Zu dieser Zeit gab es aber nur die Möglichkeit, klassischen Unterricht zu nehmen. Dann ergab sich die große Chance, ein Stipendium in Los Angeles wahrzunehmen um mit einem der weltbesten Gesangscoaches, Seth Riggs, zu arbeiten. Er hat meine Stimme in gewisser Weise gerettet, denn es war damals schwierig, von diesem klassischen Ansatz selbst den Dreh zum popmusikalischen zu finden.

Also ist Singen mehr, als nur den richtigen Ton zu treffen? 

Singen ist weit mehr als nur die Stimmbänder zu bewegen, denn es hat immer etwas mit dem ganzen Menschen zu tun. Das ist für mich in den letzten Jahren zu einem Credo geworden. In Israel habe ich den Begriff „nefesch“ kennengelernt. Das ist ein hebräisches Wort und heißt sowohl „Kehle“ als auch „Seele“. Das war ein richtiges Aha-Erlebnis: Die Stimme ist der Fingerabdruck der Seele und der Persönlichkeit. Das bedeutet, dass man manchmal Blockaden in der Seele bearbeiten muss, damit die Kehle klingt. 

Das klingt nach einer Lektion für Fortgeschrittene. Was ist denn die erste Lektion, die du deinen Schülern mitgibst?

Es ist ganz wichtig, dass ich selbst weiß, wie ich klinge. Insofern ist mir wichtig, dass die Menschen lernen, ihre Stimme anzunehmen, so, wie sie klingt. Durch das Innenohr höre ich mich, wenn ich spreche und singe ja anders, als mich das Umfeld hört. Man muss einen kleinen Umweg gehen, indem man sich aufnimmt und dann abhört, also mit den Außenohren seine eigene Stimme anhört. Denn wenn man sich selbst mal sprechen hört, zum Beispiel auf einem Anrufbeantworter, dann denkt man im ersten Moment: „Ach du liebe Zeit, das bin ich ja gar nicht.“ Dieses Gefühl abzulegen und Vertrauen in sich selbst zu bekommen, bringe ich meinen Schülern sehr früh bei. Sie sollen sich damit beschäftigen, wie sie klingen, um dann weiterzukommen und an sich zu arbeiten.

Wer hat dich diese erste Lektion gelehrt?

Ich hatte viele tolle Leute um mich, wie zum Beispiel Johannes Nitsch, Helmut Jost oder Hella Heizmann, um nur einige zu nennen. Von solchen Menschen habe ich viel gelernt und gutes Feedback bekommen. Bei der Stimme ist jede Kritik sofort ganz persönlich und tut natürlich anders weh, als wenn das Klavier verstimmt ist. Mit der richtigen Begleitung kann es aber sehr motivierend sein, an der Stimme zu arbeiten.

Im Januar kommt dein neues Album „Leben atmen“ raus. Worum geht es?

Theodor Fontane schreibt: „Und je freier man atmet, je mehr lebt man.“ Dieses Zitat bringt auf den Punkt, was mich zu dieser CD bewegt hat: Die Sehnsucht nach Freiheit, nach Loslassen. Danach, das Leben zu atmen mit allem, was es bringt. Intensiv und befreit, trotz aller Veränderungen. Das Leben in vollen Zügen zu leben, in der Gewissheit, dass da jemand ist, der mich liebevoll anschaut und mir die Kraft gibt, die ich brauche. 

Also ist dein Album ein Plädoyer dafür, mutig nach vorne zu schauen?

Der Arbeitstitel für die aktuelle CD war „Loslassen“. Das hat vielleicht auch mit dem Älterwerden zu tun. Man merkt: Jetzt ist es Zeit, gewisse Dinge abzugeben. Das ist nicht immer leicht, gerade für mich, als sehr sicherheitsbedürftigen Menschen. Deshalb habe ich auch den Umgang mit dieser Angst thematisiert. Ich sage mit den neuen Liedern: Man kann gut in die Zukunft schauen und sich dem stellen, was sie bringt. Ich glaube aber, dass eine Voraussetzung dafür ist, dass man sich mit seiner Geschichte versöhnt hat und die Vergangenheit umarmen kann. Nur wer die Vergangenheit als Teil seines Lebens begreift, der kann auch nach vorne schauen. Dazu gehört auch, dieses Anspruchsdenken loszulassen und zu erkennen, dass ich es sowieso nicht jedem recht machen kann. Ich habe kürzlich gelesen: „Sie können der saftigste und wohlschmeckendste Pfirsich sein, es gibt immer Menschen, die Pfirsiche nicht mögen.“ 

Ist das eine Botschaft, die in besonderer Weise für Frauen gilt?

Die Themen Hoffnung, Glaube, Liebe sind ja existenziell und betreffen beide Geschlechter. Selbstwert oder Selbstbewusstsein sind in meiner Wahrnehmung allerdings schon Themen, bei denen Frauen besonderen Zuspruch brauchen. Ich habe nicht umsonst das Lied „Dein Blick“ von den Wise Guys auf meiner CD gecovert. Wir baden viel zu selten in dem Blick, den Gott für uns hat. Er schaut uns an und sagt: „Du bist wertvoll, du bist schön, du bist geliebt und gut so, wie du bist.“ Das ist ein wichtiger Aspekt, dem wir uns öfter stellen sollten, wo wir doch so oft danach schauen, was andere denken. Oder uns fragen, wie wir agieren müssen, damit wir gefallen und ankommen. 

Das Lied „Abendlied“ ist ein Gebet. Was hat es damit auf sich?

Es ist das erste Gebet, an das ich mich erinnere. Meine Mutter hat den Vers „Breit aus die Flügel beide“ abends oft mit mir gesprochen. Andreas Malessa hat nun Strophen zum Thema Loslassen und Gelassenheit dazugeschrieben. 

Hast du einen unerfüllten musikalischen Traum? 

Wenn ich mal ganz  groß träumen darf: Einmal in der Royal Albert Hall auftreten. Ich durfte da vor Jahren mal an einer Veranstaltung teilnehmen und das Ambiente dort hat mich sehr fasziniert. Aber ehrlich gesagt bin ich an diesem Punkt sehr beschenkt mit dem, was schon war – im Grunde fehlt mir nichts. 

Das Interview führte Julia Kallauch. Sie arbeitet als Volontärin in der JOYCE-Redaktion.


Hier die CD "Leben atmen" anhören und bestellen.