Interview mit Sängerin Beate Ling
Abschiedsschmerzen
Das Leben nach Trauer und Trennung
Beate Ling – ein Name, der aus der christlichen Musikszene nicht mehr
wegzudenken ist. Die vierzigjährige Wahlschwäbin, die nur hinter vorgehaltener
Hand zugibt, in Baden geboren zu sein, begann ihre Karriere als
Background-Sängerin. 1990 kam ihre erste Solo-CD heraus, vier Jahre später
folgte „Herztöne“. Ihr bisher wohl persönlichstes Album „So weit – so gut“
entstand, als Beate Ling in einem Zeitraum von nur neun Monaten zwei schlimme
Schicksalsschläge hinnehmen musste. Im Januar verlor sie ihren Bruder durch
einen Autounfall und im Oktober wurde sie von ihrem Mann geschieden. Was ihr in
dieser schweren Zeit geholfen hat und wo sie Trost in der Trauer finden konnte,
erzählt sie in diesem Interview.
Wann haben Sie angefangen zu singen?
In der Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, hat Musik schon immer dazu
gehört. Ich kann mich erinnern, dass ich unheimlich gerne mit anderen zusammen
gesungen habe, egal ob im Chor oder in der Jugendgruppe. Als ich im
Teenageralter war, hat mich mein Vater mit zu Evangelisationen und Bibelwochen
genommen, wo ich vor Publikum gesungen habe.
Wer schreibt Ihre Lieder?
Ganz unterschiedliche Freunde und Künstlerkollegen; vor allem Hans-Werner
Scharnowski – seit zwölf Jahren mein musikalischer Begleiter und Produzent -,
Lothar Kosse, Christoph Zehendner, Andreas Malessa, Manfred Siebald oder
Albrecht Gralle, um nur einige Namen zu nennen.
Sie sind oft zu Auftritten unterwegs. Welche Zuhörer begegnen Ihnen auf Ihren
Konzerten?
In den letzten zehn Jahren habe ich bei über 600 Auftritten gesungen und
gespielt. Das Publikum bilden vor allem Menschen, die deutsche Texte mögen und
denen meine Stimme und die Art, wie ich moderiere, gefällt. Ich stelle immer
wieder mit Erstaunen fest, dass bei den Zuhörern eine große Alterspanne
herrscht. Es gibt junge Leute und viele in meinem Alter. Aber auch ältere
Menschen; wenn ich im Lauf des Abends bemerke, wie gerade sie mich anlächeln,
dann denke ich: „Ah, jetzt ist etwas passiert!“
Ihre neuste CD heißt „Green“. Unter welchen Umständen ist sie entstanden?
Da „So weit – so gut“ sehr persönlich, intensiv und ehrlich war und aus
bestimmten Abschiedssituationen heraus entstanden ist, habe ich mich lange
schwer getan, ein neues Projekt in Angriff zu nehmen. Ich wartete auf die
zündende Idee, was ich als Nächstes machen soll. Dann hat ein Freund mir – wohl
zur richtigen Zeit – den Sänger und Songwriter Keith Green ins Gedächtnis
gerufen und mir erzählt, dass sein zwanzigster Todestag ins Jahr 2002 gefallen
ist. 1982 kam er mit seinen zwei Kindern Josiah und Bethany bei einem
Flugzeugabsturz ums Leben. Nachdem ich mich mit seinen Liedern und seiner
Biografie „Kompromisslos“ auseinandergesetzt hatte – er wäre in diesem Jahr
fünfzig Jahre alt geworden -, habe ich mich entschieden, zwölf dieser Songs ins
Deutsche übertragen zu lassen. Es sind Lieder, die sowohl musikalisch als auch
inhaltlich zu mir passen – denke ich.
Auf Ihrer CD „So weit - so gut“ handeln viele Texte von Trauer und Trennung.
Sind diese Lieder aus Ihrer eigenen Erfahrung heraus entstanden?
Ja. Es war mir ein inneres Bedürfnis, über die Verluste und
Abschiedssituationen zu singen, die in mein Leben getreten sind und es für
immer verändert hatten.
Könnten Sie uns davon erzählen?
Im Januar 1996 ist mein Bruder Ulrich mit 25 Jahren bei einem Autounfall ums
Leben gekommen. Selbst heute muss ich noch sagen, dass nichts mehr so ist, wie
es vorher war. Dieser tragische Verkehrsunfall hat Ulrich einfach aus dem Leben
gerissen, und ich musste Abschied nehmen, ohne mich vorher verabschiedet zu
haben; das ist sehr schmerzhaft. Diese tragische Situation hat mich veranlasst,
über vieles nachzudenken.
Wie sah Ihre Reaktion auf den Tod Ihres Bruders aus?
Ich bin die Älteste von fünf Geschwistern, darunter vier Mädchen und Ulrich war
der Jüngste, der lang ersehnte Bruder und Sohn. Von Anfang an hatte ich eine
ganz besondere Beziehung zu ihm. Da ich neun Jahre älter bin, war ich seine
Vertraute, habe ihn sozusagen mit erzogen. Zwischen uns herrschte dieses
typische „Schwester / kleiner Bruder“-Verhältnis. Ulrich war mir in vielem sehr
ähnlich, auch innerlich sehr verwandt. Da er sich für Musik begeistert hat, hat
er sich immer für das interessiert, was ich mache. Er war stolz auf mich,
genauso wie ich stolz auf ihn und seine Familie war. Er hat eine süße kleine
Tochter, die erst zweieinhalb Jahre alt war, als er verunglückte. Zwischen
meinen Bruder und mir herrschte also eine ganz herzliche Verbundenheit. Die
Trauer ist ja um so stärker, je intensiver die Bindung ist. Deswegen hat mich
sein Tod sehr stark getroffen. Ich leide und trauere heute noch, was im Rahmen
der Trauerphasen auch völlig normal ist. Und ich vermisse ihn.
War Ihnen Ihr Mann ein Halt in dieser schweren Zeit?
Schon damals wurden Probleme in unserer Ehe offenkundig. Deshalb hatte ich
keine großen Erwartungen an ihn. Ich habe mehr mit meinen Eltern und
Geschwistern zusammen getrauert.
Die Trennung von Ihrem Mann kam also nicht überraschend?
Es gibt Abschiedssituationen, die überfallen einen plötzlich, und es gibt
andere, auf die man sich vorbereiten kann. In meiner Ehe hat sich schon sehr
früh eine Krise angebahnt, deshalb konnte ich mich – wenn man so will - auf den
Abschied vorbereiten. Aber als es dann soweit war und wir geschieden wurden,
war es trotzdem eine ganz brisante und schmerzhafte Situation für mich. Bis zu
diesem Zeitpunkt hatte ich immer noch die Hoffnung gehabt, dass sich etwas tun
würde, dass gewisse Hilfen - zum Beispiel eine Therapie -, die ich in Anspruch
genommen hatte, fruchten würden.
Wir waren elf Jahre verheiratet. Lange hatte ich um diese Ehe gekämpft, hatte
gebangt, gehofft. Zuerst konnte ich nicht glauben, dass das auch einen anderen
sozialen Status bedeuten würde. Als ich dann einige Wochen später einen kleinen
Autounfall hatte und ein Formular ausfüllen musste, stand dort: ledig,
verheiratet, geschieden oder verwitwet. Und ich musste „geschieden“ ankreuzen.
Das hat mir einen Stich versetzt.
Wie stehen Sie heute zum Thema „Scheidung“?
Ich würde gerne jeden vor dem Erleben dieses tiefen Schnitts einer Scheidung
bewahren. Mir ist klar, dass Gottes Gedanken keine Scheidung beinhalten, denn
sie schadet letztendlich uns Menschen, schadet mir, meinem Partner. Ich
verstehe die Bibel so, dass Gott die Sünde - also auch Scheidung - hasst, aber
mich als Menschen unendlich liebt. Sein Sohn Jesus Christus ist ja gerade wegen
meiner Schuld, meiner Fehler und Schwächen gestorben. Deshalb sagt Gott trotz
allem bedingungslos Ja zu mir.
Was hat Ihnen in dieser Situation Halt gegeben?
Ich habe erlebt, dass eine Handvoll Freunde an meiner Stelle Schritte gegangen
sind. Sie haben für mich gebetet, als ich kein Gottvertrauen mehr hatte und gar
nicht mehr wusste, wie ich mit Gott reden sollte. Sie haben mich mitgenommen,
mich getragen, mir Halt gegeben, mit mir geweint, mich getröstet. Auf eine sehr
unauffällige, unaufdringliche Art waren sie einfach für mich da. Obwohl es nie
soweit kam, wusste ich, dass ich zu jeder Tages- und Nachtzeit zu ihnen gehen
konnte. Das war eine wichtige, ganz wesentliche Erfahrung für mich. Da meine
Familie selbst getrauert hat, brauchte ich die Unterstützung von meinen
Freunden. In dieser schweren Zeit habe ich auch neu erlebt, dass Gott mich
annimmt und auffängt. Ich habe meinen ganzen Frust, meine Wut, meine Angst und
meinen Ärger herauszulassen, denn ich wusste, dass er dieses Schreien, Fragen,
Hadern und die Ohnmacht ertragen konnte. Als ich meiner sozusagen „Luft“
gemacht hatte, war Platz für Neues – Gott hat seinen Frieden in mich
hineingelegt, und das täglich neu.
Welche Gefühle kamen in Ihnen nach der Scheidung hoch?
Die Trauer über den Verlust meiner Ehe hat sich auf einer ganz andere Ebene
bewegt als die Trauer über den Tod meines Bruders. In Bezug auf meine
gescheiterte Ehe hatte ich zum Beispiel Schuldgefühle. Schließlich liegt es
nicht nur an einem Partner, wenn eine Beziehung auseinander geht, es sind immer
zwei beteiligt. Obwohl mich mein Mann verlassen hatte und ich darunter litt,
wurde ich nicht mit der Schuld fertig, die ich auf mich geladen hatte. Denn ich
glaubte nach wie vor an die Institution Ehe und ich hatte mein Ja-Wort ernst
gemeint. Wenn mich also Schuldgefühle, Selbstzweifel und -anklagen überfielen,
habe ich das Neue Testament, vor allem den Römerbrief, verschlungen. Wochenlang
habe ich die Worte aufgesaugt wie ein trockener Schwamm. Ich habe Gott gebeten,
mir seine Vergebung zuzusprechen. Und dann ist etwas Grandioses passiert.
Was war dieses grandiose Erlebnis?
Ich habe Vergebung erlebt! Als jemand, der in einem christlichen Elternhaus
groß geworden ist, habe ich manchmal die Menschen bewundert, die ganz
gewaltige, große Erlebnisse im Glauben gehabt und die Gott in dramatischen,
spektakulären Situationen erlebt hatten. Mit einem Schlag war ihr altes Leben
vorbei und etwas Neues hatte angefangen. Gelegentlich habe ich gedacht: „So
eine Gottesbegegnung würde ich mir auch wünschen.“ Meine Eltern haben mich
christlich erzogen, und als ich achtzehn war, habe ich mich persönlich für
Jesus Christus entschieden. Diese bewusste Entscheidung, von nun an eine
Beziehung mit Gott führen zu wollen, war ganz wichtig für mich. Die konnten
meine Eltern mir nicht „anerziehen“, die musste ich selbst treffen.
Natürlich habe ich um Verzeihung gebeten, wenn ich mal eine Notlüge benutzt
hatte, und wenn mich neidische Gedanken überkamen, habe ich gebetet: „Bitte,
Herr, verzeih mir!“ Oder ich habe jemanden angesprochen, den ich verletzt
hatte, und ihn gebeten, mir zu vergeben. Aber eine wirklich existenzielle
Vergebungsnot hatte ich bis dahin noch nie erlebt. Und nun war sie da! Was die
Scheidung betraf, habe ich unheimlich unter meiner Schuld gelitten und mit Gott
gerungen. „Ich brauche Vergebung“, habe ich zu ihm gesagt, „ich möchte sie
erleben!“ Dann gab es einen Morgen, an dem ich mir Zeit zum Nachdenken und
Beten genommen habe. Da ist etwas passiert! Ich habe gemerkt, dass ich wieder –
wie soll ich das sagen – frei atmen kann. Von diesem Zeitpunkt an habe ich nie
wieder gefragt, ob ich Schuld an der Situation trage oder ob noch etwas
ungeklärt ist, denn ich hatte erlebt: Gott hat mir vergeben. Dieses Erlebnis
hat mich am Leben erhalten. Und weil ich vor Gott gerade stehen kann, kann ich
auch vor Menschen gerade stehen - trotz meiner Fehler, meiner Schwächen und des
Versagens in meiner Ehe. Mein Kollege Hans-Werner Scharnowski hat ein
wunderschönes Lied zu diesem Thema für mich geschrieben. Es heißt „Lebe wohl“
und fasst genau das zusammen, was mir an Vergebung widerfahren ist und was ich
anderen wünsche. Nämlich: „Dir ist geholfen, dir ist vergeben, nun lebe. Lebe
wohl.“
Der Zerbruch Ihrer Ehe hat Ihr Leben verändert. Inwiefern hat auch der Verlust
Ihres Bruders Veränderung gebracht?
Meine Eltern haben um ihren Sohn getrauert, und meine Geschwister und ich um
unseren Bruder. Das verändert eine Familie. Heute reden wir ganz anders
miteinander, viel offener. Für uns sind Tod, Sterben, Traurigkeit und Leid
keine Tabuthemen mehr. Wir alle sind gezwungen worden, über das Wesentliche im
Leben nachzudenken und es vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Ich weiß, dass
uns früher Dinge wichtig waren, die heute unwichtig sind. Und manches, was
vielleicht oft im Alltagsgeschehen untergegangen ist, ist uns nun wichtig
geworden. Das Leben ist ein Geschenk. Es ist entscheidend, dass man die Zeit
ausnutzt, die man gemeinsam hat. Die Zusammensein mit meinen Eltern und
Geschwistern ist für mich sehr viel intensiver geworden.
Können Sie im Rückblick sagen, was Sie aus dieser schweren Zeit gelernt haben?
Ich kann sagen, dass ich durch die Verlust- und Abschiedserfahrungen, die ich
erleben musste, gelernt habe, barmherziger zu sein - gerade mit Menschen, die
selbst in Trennung leben. Wenn Freundschaften, Liebesbeziehungen oder Ehen
auseinandergehen, gibt es soviel Vordergründiges, aber was dahinter steckt,
wissen nur die Betroffenen, und sie brauchen unsere Hilfe und unser
Verständnis. Es gibt so viele Abschiedssituationen im Leben – nicht nur extreme
wie Trauer oder den Verlust einer Beziehung. Auch Freundschaften können
auseinanderdriften, Menschen kehren uns den Rücken, oder Kinder gehen aus dem
Haus und die Eltern müssen mit der neuen Situation klarkommen. Wenn wir uns von
Träumen oder Hoffnungen verabschieden, bedeutet das, in eine andere Richtung zu
gehen. Das Leben fordert uns ständig heraus, Dinge hinter uns zu lassen und
nach vorne zu schauen. Erst wenn Zeit vergangen ist, merken wir, dass wir ein
ganzes Stück weitergekommen sind.
Wie stehen Sie zu dem Thema „Vergebung“ – vor allem Ihrem Mann gegenüber?
Für mich besteht Vergebung aus drei Schritten. Der erste Schritt ist der größte
Teil der Vergebung. Ich erkenne, dass Gott mir vergibt, ja mir grundsätzlich
vergeben möchte, wenn ich komme und ihn darum bitte. Nach der Scheidung haben
mich Schuldgefühle, Furcht, Zukunftsängste und Sorgen gequält. Und dann habe
ich erlebt, wie Gott mir nahe kam und mir Vergebung geschenkt hat. Danach
musste ich mich nicht mehr für irgendetwas rechtfertigen. Der zweite Schritt
ist, dass ich bereit bin, anderen zu vergeben. Aber selbst wenn ich sage: „Ich
möchte gerne vergeben“, geht es vielleicht noch nicht. Möglicherweise bin ich
zu verbittert, zu wütend, zu belastet, aber der Wille zur Vergebung ist da. Ich
habe erlebt, dass in solchen Situationen schon das Bekennen und Aussprechen vor
Gott eine Art Loslassen bedeutet. Wenn ich heute ein Problem habe, das ich
nicht lösen kann, oder unter Verletzungen leide, die andere mir angetan haben,
gebe ich die Situation oder den Menschen an Gott ab und bitte ihn, mir zu
helfen. Dann erlebe ich, wie er den Rest macht. Oft genügt schon meine
Bereitschaft, damit Gott die Vergebung bewirken kann. Der dritte Schritt
besteht darin, mir selbst zu vergeben. Gerade leistungsorientierte Menschen und
Perfektionisten sind oft sehr hart zu sich selbst. Ich muss mir häufig Dinge
vergeben, die ich nicht geschafft oder nicht so gemacht habe, wie ich es mir
vorstellt hatte. Diese Fähigkeit, mir selbst zu vergeben, muss ich immer wieder
einüben. Wenn ich in der Öffentlichkeit Dinge von mir preisgegeben habe, wache
ich manchmal nachts auf und ärgere mich über irgendeine Formulierung, die mir
nicht so gelungen ist. In solchen Momenten muss ich mir sagen: „Beate, ich
vergebe dir!“ Das ist nur ein kleines Beispiel.
Warum, glauben Sie, ist Vergebung so wichtig?
Vergeben ist wichtig, damit man nicht verbittert und hart im Inneren wird.
Vergebung bedeutet Entlastung. Einer hat für mich bezahlt und alles auf sich
genommen. Ich bin frei! Eine Decke, die mich unter sich begraben hatte, wurde
gelüftet, und nun ist wieder Luft zum Atmen da. Ich finde es beruhigend, dass
ich nicht verkrampft durchs Leben gehen muss, sondern alles immer wieder an
Gott abgeben kann. Weil wir Menschen sind, passieren im Umgang miteinander
täglich Fehler und Versäumnisse. Aber ich darf wissen, dass bei dem Gott, der
mich so liebt, wie ich bin, eine Stelle ist, um all das abzuladen. Ein Satz im
Vaterunser trifft es genau: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir
vergeben unseren Schuldigern“ (Matthäus 6,12). Vergebung ist etwas
Doppelseitiges. Gott möchte zuerst gebeten sein. Wenn ich ihn bitte, vergibt er
mir. So soll ich auch dem anderen vergeben. Wer Gottes Vergebung erlebt hat,
kann barmherziger mit anderen Menschen umgehen. Schließlich sitzen wir im
gleichen Boot und leben alle von dieser Vergebung. Warum machen wir es uns oft
so schwer und sehen nur auf die Schuld? Ich will mich lieber darauf
konzentrieren, dass sie von Gott vergeben ist. Ich bin also nicht aufgefordert,
„ins Blaue hinein“ zu vergeben, sondern ich kann vergeben, weil mir vergeben
wurde. Ich lebe aus der Vergebung, die Gott mir zugesagt hat. Darum zu bitten
und sie dann in Anspruch zu nehmen ist jedoch nicht immer leicht. Es ist ein
Prozess, das zu lernen.
Heute sieht man Ihnen an, dass Ihr Herz und Ihre Seele durch einen
Heilungsprozess gegangen sind. Bitte erzählen Sie uns, wie dieser Prozess
aussah.
Für mich war es wichtig, das Angebot einer Therapeutin in Anspruch zu nehmen,
die auch Christin ist. Sie hat mir sehr geholfen, indem sie mir einen Spiegel
vorgehalten, Beziehungsgeflechte deutlich gemacht und Zusammenhänge aufgedeckt
hat. Meiner Meinung nach gehört es zu einem Reifungsprozess, sich durch Gott,
Menschen und Umstände verändern zu lassen. Ich empfand diese Therapie als eine
Art Geländer. In dieser Zeit habe ich Leitlinien an die Hand bekommen, die mir
helfen, mit mir selbst, meinen Strukturen und den Dingen, die in mir angelegt
sind, mir vielleicht Probleme bereiten, umgehen zu lernen. Meine Beziehung zu
Gott ist reifer und vertrauter geworden, weil ich erlebt habe, dass er mich
nicht fallen lässt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich jetzt auch freier
über meinen Glauben reden kann. Es ist etwas ganz Natürliches für mich
geworden, in meinem Privatleben von Gott zu sprechen. Auf christlichen
Konzerten ist die Bühne eine Legitimation, da fiel es mir schon immer leicht,
aber jetzt kann ich noch mehr auch im privaten Umfeld zu meinem Glauben stehen.
Gott ist meine Stärke, die Beziehung zu ihm ist zentral. Ohne meinen Glauben
wäre ich heute nicht da, wo ich bin. Er ist einfach nicht mehr aus meinem Leben
wegzudenken.
Elisabeth Mittelstädt & Sabine Bockel
"Aus Lydia - die christliche Zeitschrift für die Frau, Heft 2/03. Mit freundlicher Genehmigung."